Mein erster Tag in San Francisco. Ich war schon einmal hier, 1992, mit 14! Erinnern kann ich mich an wenig, aber dafür bin ich ja einen Tag früher geflogen – Eindrücke sammeln abseits der “geplanten” und “geführten” Tour. Einen Tag Tourist sein. Ohne wirklich Sehenswürdigkeiten sehen zu wollen, sondern mit dem Versuch, einfach “die Stadt” kennen zu lernen.

Ich laufe also sofort los. Nicht erst auspacken. Ankunft. Raus aus dem Flughafen, rein ins Sammeltaxi (man muss alles mal mitgemacht haben!). Die ersten $20.00 mit der Kreditkarte bezahlt (ich mag das ja!). Koffer auf den Sessel. Nicht erst schlafen. T-shirt wechseln. Raus auf die Straße.

Vor zwei Jahren war ich mit derselben Parlamentariergruppe in Washington und New York. Such dort bin ich sofort aus dem hotel auf die Straße. Aber SF schockt mich doch. So krass habe ich den Gegensatz von arm und reich noch nicht erlebt. Direkt vor der Tür kauert ein Veteran und beschimpft die Passanten, die ihn ignorieren, er sei immer noch ein Mensch. Zwei Straßen weiter stehen Menschen in Gruppen zusammen, die nicht auf ein Taxi warten. In einer kleinen Querstraße stehen Prostituierte.

Im Gegensatz dazu Luxusläden auf der anderen Straßenseite, abgeschirmt durch private Sicherheitsleute. Juwelen, Klamotten, Friseure, ein Lixushandyladen mit viel Blingbling. An einer Ampel steht ein Durchgeknallter. Schwarz. Weiße wilde Locken. Kaum noch Zähne. Er schreit, die Welt sei verflucht. Gott hätte uns alle verlassen. Ein bißchen kann ich ihn verstehen. Eine rot-blondierte ca. 90 jährige kniet vor seinem Ensemble aus Pappschildern und ruft nach jedem seiner Sätze hysterisch “Halleluja!” Auf einem Schild steht “Don’t love your country. It won’t love you back.”

Ich laufe um die Ecke. Nur einmal um den Block. 4 Straßen hoch, 3 links, wieder zurück.

Was verdienen Amerikaner eigentlich? Parking (wegen “special event evening”: $30.00! Kleine Coke im Restaurant: $4.40! Nein. Nicht da wo die Touristen sind… wir haben Freitag abend und der Laden ist voll mit Einheimischen. Vertraute an den Vierertischen. Verliebte an den Zweiertischen. Verlorene an der Theke. Das ich alleine an einen Zweiertisch will, versteht hier keiner. Aber auch nicht, das ich stilles Wasser bestelle. Es ist eh umsonst. Salat, Coke, Wasser, bitte keinen Kaffee danach: $24.00.

Danach muss ich aber ins Bett. Der Jetlag jagt mich. Und mein Rücken. 12 Stunden unbequem sitzen, rumlaufen darf man im Flugzeug nicht mehr. “Wir möchten Sie daran erinnern, dass dieser Lufthansa-Flug in die USA geht. Das Herumstehen ist außer für den Gang zur Toilette nicht erlaubt.” Als ein Fluggast vor mir aufsteht und an seine Tasche oben im Handgepäckfall will, steht plötzlich ein Mann neben ihm und raunzt ihn böse an. So sieht also so ein Airmarshall aus? Irgendjemand ist anscheinend sehr nervös abroad.

0739. Wach. Anscheinendachtich der Jetlag zum Frühaufsteher. Das Zimmer geht nach vorne raus. Bis Punkt 8 ist es relativ leise. Dann bricht die Hölle los. Bauarbeiten auf der anderen Straßenseite. Ein Krankenwagen rast vorbei. Taxi. Vollbremsung. Ich gehe mal duschen…

Erstmal nachsehen, wo ich bin. Google Maps hilft. Mitten in Downtown SF, also! Gut, dass hier alle Straßen schön parallel sind. Dann verlaufe ich mich nicht so schnell. Da das Hotel kein Frühstück hat,muss ich einen Laden suchen. Also los!

Drei Ziele habe ich heute morgen: Ein Mini-Waschmittel, eine Prepaid-Karte und Frühstück. Nach einigem rumlaufen finde ich einen Verizon-Laden. “How can I help you,sir?”. Es dauert wenige Minuten, dann sitze ich vor einem “solution specialist”, der mit verschiedenen SIM versucht, eine Verbindung zu kriegen. Egal was er versucht. Mein Handy frisst nix davon. Einmal hat es Netz, aber keine Internetverbindung. Ich könne mir ja einen mobilen WLAN-Hotspot kaufen oder ein günstiges Zweithandy. Kann dieser Technikscheiß nicht einfach überall auf der Welt funktionieren? Ohne Roaming-Gebühren? Ohne SIMlock, Branding, “Samsung works from S6 only”? Kann das denn sooo schwer sein?

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Na gut. Keinen Vertrag in den USA für den Trip. Bin also nur telefonisch erreichbar und zahle dafür dann ab 71 Cent pro Minute. Weh teh eff!

Frust! Ich laufe ziellos weiter. Was kann man denn heute hier machen? Ich frage den netten Mann am Ende der Cable Car Linie. Er arbeitet zwar schon lange in SF, wohnt aber irgendwie nicht hier, sondern in einem Vorort und hat keine Ahnung. Shopping wohl. Oder die Brücke. Oder Fleet Week. Was ist das denn? Na die feiern. Am Hafen. Einfach immer dieser Straße nach.

Alles klar, einfach immer gerade aus. Schaffe ich. Aber ist es wirklich hier lang. Es geht ja ganz schön bergauf. Naja, das kenne ich noch von 1992. Meine Mutter hat sich geweigert in dieser Stadt Auto zu fahren. Immer wieder am Berg anfahren? Nix für sie! Und wie recht sie hatte. Vor ein paar Tagen habe ich so neuartige Funktionswäsche gekauft. Ably Apparel. So ein Kickstarter-Projekt. Die könnte ich jetzt gebrauchen. Berg rauf heißt hier wirklich BERG rauf. 50°-Steigungen. Fußgänger-Wege in die Treppen eingelassen sind, damit man überhaupt hoch kommt. Immerhin: Wenn man oben ist hat man meistens einen unglaublichen Blick hinter sich verdient. Kilometerlange Straßen quer durch die Stadt!

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Irgendwann fällt mir ein, dass ich ja noch gar nicht gefrühstückt habe. Ich setze mich mitten im Wohngebiet in ein Cafe. Irgendwie kommt keine Bedienung. Nach ein paar Minuten gehe ich rein und lerne, dass man erst drinnen bestellt und dann eine Platzlarte bekommt, mit der man sich raussetzen kann. Alles klar!

“We are your local, family-owned Café since 20 years!” steht auf einem Schild. Ich frage die Kellnerin. Auch hier, mitten im Viertel, kämpft man gegen die Starbucks und Subways dieser Welt. Aber dieser Laden macht es gut: Bagel, Kaffee, Coke. Kein Fastfood, sondern lecker, frisch gemacht. Nur die Kapern auf dem Bagel sind die Strafe für zu schlechte Kenntnisse der englischen Delikatessen-Fachsprache. 😉

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Je näher ich dem Hafen dann komme, desto mehr stören diese dämlichen Touristen. Also so richtige. Mit Kameras und offenen Mündern. Denen der Mund immerzu auf steht. Was soll das? Kann man nicht mal durch eine Stadt laufen, ohne alle 2 Sekunden ein Selfie von sich zu machen? Ich vor dem Park. Ich vor dem Subways. Ich vor dem Fishermans Warf. Ich vor dem Mülleimer. Ich vor dem Penner. Grml!

Mindestens drei von denen renne ich um. Einfach weil sie in der Masse Richtung Pier laufen und urplötzlich stehen bleiben. Dann muss ich mich auch noch entschuldigen. “Sorry! Didn’t see you stoping! (Fuckr!)”. Aber wo wollen die Leute eigentlich alle hin? Ich lasse mich treiben. Bis zu großen Rauchwolken. Brennt es hier? Nein, es wird gegrillt. Eine Straßensperre dahinter eine Art Volksfest und WAS ZUR HÖLLE IST HIER SO LAUT???

50m über den Park donnert ein Kampfjet der Marine. In einer Kurve. Mit Vollgas. Die Luft vibriert dermaßen stark, dass einige Alarmanlagen an Autos losgehen. Kinder halten sich die Ohren zu, einige Leute ziehen die Köpfe ein, zwei Mitarbeiter eines Bekleidungsladens springen in Deckung.

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Ach das ist diese Airshow. Na dann. Ich laufe den Weg weiter, bis ich zu einer großen Tribüne komme. Offensichtlich finden hier in diesem Hafenbecken des öfteren Dinge statt, die eine große Anzahl an Menschen als Zuschauer anlocken… Diesmal also eine Airshow. Bevor ich es richtig verstanden habe wir die nächste Truppe angekündigt. Das französische “Breitling Jet Team” fliegt eine Performance und ein Franzose erklört am Mikrofon, wie die Figuren heißen. Eigentlich ganz nett, aber irgendwann kann ich das Wort “Breitling” nicht mehr hören. Sponsor hin oder her. Wegen dieses information overflow kaufe ich mir jetzt keine Breitling Uhr mehr. Nehmt das, Schweizer! (Na gut, ich habe eh kein Geld für Luxusuhren!)

Spannend finde ich, dass vor mir am Strand Leute mit Klappstühlen und auf den Stufen sitzen, hinter mir Stühle, Hocker und Geländer… aber ein Ticket soll $65.00 kosten. Wofür genau habe ich nicht verstanden! Für einen Sitzplatz in dieser Arena? Ehrlich? Mhh… Dann stehe ich lieber etwas am Rand des kleinen Sandstreifens, auf dem Kinder spielen, vor dem augenscheinlich ein Schwimmwettbewerb und eine Demonstration der Lifeguards statt. Wobei – irgendwie sah die Panik in den Augen der Kinder, die sich an das umgekippte Segelboot klammerten echt aus und die vielen Jet-Skis die da angerast kamen. Nun ja, wie auch immer, die Menge hatte die Blicke eher im Himmel… die wären vor einer Menschenmenge von hunderten einfach so ersoffen.

Vor mir sitzen zwei Ältere Herren mit einer und einem Jugendlichen. Sie unterhalten sich, ich schnappe einiges auf. Der mit dem Baseball-Cap hat auf einem Schiff gedient, der mit dem Strohhut war Marine. Die Jugendliche ist die Tochter. Der Jugendliche ihr Freund. Als der Leader der französischen Formation sich für die Rettung Frankreichs vor den Nazis bedankt (WEH TEH EFF???) rasten sie völlig aus. Sie sind fasziniert von den Flugzeugen, können die Namen der Piloten der gerade fliegenden “United States Navy Blue Angels”. Sie fachsimpeln. Sie finden die Flugzeuge großartig, die Navy noch großartiger und die USA sowieso völlig am großartigsten!

Sie trinken einen großen Schluck Corona aus ihrer Kühltaschen (und stecken die Flaschen da auch wieder rein). Sie rauchen eine Runde Gras mit einem Vaporizer. Sie haben eine Menge Spaß im großartigsten Land der Welt.

Dann kommt dieser Polizist. Eigentlich war er auf der Tribüne unterwegs. Aber ich habe ihn wohl etwas zu lange angestarrt. Er kommt auf mich zu, spricht mich an. Ich sage, dass ich aus Deutschland kommt, Tourist bin und … plötzlich gibt er mir den Ausweis zurück, geht drei Schritte Richtung Strand, Treppe runter, umdrehen. “Sir, was ist das in ihrem Becher?” – “Apfelsaft” – “Woher haben sie den?” – “Von dem Stand da drüben!” – “Darf ich mal riechen? Lügen sie mich doch bitte nicht an. Sie wissen, was sie zu tun haben.”

Der Strohhutmann seufzt und kippt sein Bier in den Sand. Dann soll er die Kühltasche aufmachen. “Really?” Ja, kein Pardon. Oh Corona. Sechs Flaschen. Und die Tochter? Noch eine Kühltasche. Noch ein Sixpack. Und was ist das da für ein Ding? Unter der Aufsicht der “United States Park Police” versickert der Inhalt von 12 Flaschen Bier im Sand. Baseballcap-Vater muss den Vaporizer in den Mülleinmer werfen. Zufrieden geht der Polizist weiter. Strohhutmann geht zum Mülleimer und fischt ihn wieder raus.

Mir geht dazu nur eins durch den Kopf: “Don’t love your country. It won’t love you back.”

Wie kann es in einem Land, in dem ich an jeder Ecke Gras rieche, in dem ein Liquor-Store den nächsten jagt illegal sein, in einem öffentlichen Park Bier zu besitzen (ok, trinken… ja, kann sein, aber die Coronas waren ja zu!)?? Alle zehn ist an der Straße eine Bar, wo ich trinken kann wie ich will (ab 21!), aber wenn ich Corona mit in den Park nehme, stehe ich kurz vor einer Verhaftung? Ah ja…

Ich drehe mich um und gehe den Weg wieder zurück. Wieder in das Cafe. Bestelle einen Fruchtsaft. Bekomme eine Flasche, die mächtig unter Druck steht. Versaue meine Hose mit Mango-Frischsaft-Zeugs, das verdächtig nach Alkohol schmeckt – und frage mich, ob ich auch ärger bekomme, wenn ich mit vergorenem Saft auf der Straße stehen würde.

Ist der nicht abgelaufen? Auf dem Deckel steht 11-07-2016. Argh! Die wollen mich vergiften! Auf Nachfrage kriege ich raus, dass man meine Aufregung nicht versteht. Schließlich sei das Ding noch einen Monat haltbar (Arghs! Ich bin in AMERIKA!) und da steht es doch: Natürlicher Alkohol enthalten. Ja klar! Habe ich in einem Mango-Fresh-Juice-Paket erwartet. Die lassen das extra gären…

Wieder die Berge hoch und wieder runter. Ich mache halt in einem Park, gehe weiter, habe meinen Stift verloren, gehe wieder in den Park und werde von einem Officer angesprochen, was ich denn hinter der Bank machte. Wieder Ausweis zeigen. Erklärungsversuche. Irgendwann versteht er, dass ich wirklich meine, was ich sage und hilft beim suchen. Nicht leicht, um die Bank stehen 20-30 Leute, die sich von hier die Airshow ansehen. Wieder donnern die Flieger über die Stadt. Wieder der Alarm. Eine alte Frau schwingt die Faust über ihrem Kopf und verflucht das Militär. Der Officer hilft mir nicht mehr. Er geht auf die alte Dame zu, um sie zu “beruhigen”.

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Ich ziehe weiter. Treffe zwei Kollegen aus dem Landtag vor dem Hotel. Sie scheinen jedoch gerade angekommen zu sein und ich mag nicht noch eine Touri-Runde laufen. Daher drehe ich noch einmal um. Im Drogeriemarkt muss ich Waschmittel für die versaute Hose kaufen. Der Mann hinter dem Tresen unterhält sich gerade mit einem Kunden. Laut. Über die steigenden Preise in San Francisco und dass der Mitarbeiter aus Gaza käme.

Der Kunde ist plötzlich fasziniert, will alles wissen. Ich deute an, dass ich Zeit habe. Also erzählt der Verkäufer. Seine Familie zusammen hat er zuletzt 2010 gesehen. Er spart gerade für einen Flug. Er ist seit 18 Jahren in den USA. Besser hier als in Gaza, auch wenn es hart sei. Sein Bruder ist in New York in einem Walmart beschäftigt und seine Eltern hätten Asyl in Deutschland bekommen. Als er meine deutsche Kreditkarte sieht, wirft er mir ein paar deutsche Brocken zu.

Ich antworte freundlich, auch wenn ich eigentlich zum Abendessen weiter will und wir unterhalten uns zu dritt in einem denglischen Mischmasch. Über Deutschland und die USA. Über Dankbarkeit, über Schutz. Über Frieden und Krieg. Darüber, dass er die USA dafür liebe, ihn aufgenommen zu haben. Über Gaza, Palästina und seinen Hass auf die eigenen Landsleute, die keinen Frieden wollten. Die seine Familie verfolgt hätten, weil sein Bruder sich in einer Organisation für den Frieden eingesetzt hat.

Auf dem Weg ins Restaurant fällt mir nur ein Satz ein.  “Don’t love your country. It won’t love you back.”


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